09. August 2013

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Veröffentlichung eines nicht veröffentlichten Interviews der ZEIT zu Peer Steinbrück

DIE ZEIT: Herr Schulz, was schätzen Sie an Peer Steinbrück?
Werner Schulz: Ich schätze ihn als Fachmann. Er war ein guter Finanzminister. Aber als Kanzlerkandidat ist er eine tragische Figur.

ZEIT: Inwiefern?
Schulz: Er redet sich um Kopf und Kragen und hält seine schrägen Formulierungen für „Klartext". So nimmt er fast jeden Fettnapf mit. Eigentlich sammelt er ja Nashörner in einem Büro. Doch offenbar besitzt er auch deren Sensibilität, wie seine Bemerkungen zu Angela Merkel belegen.

ZEIT: Sie spielen darauf an, dass er behauptet, die Kanzlerin stehe der EU distanziert gegenüber, weil sie in er DDR aufgewachsen ist.
Schulz: Das ist Mumpitz und ein untauglicher Versuch eigenes Profil durch die Diffamierung seiner Konkurrentin zu gewinnen. Offensichtlich ist ihm nicht bewusst, dass mit der deutschen Einheit, mit der Osterweiterung der EU ein zweiter Gründungsmythos der EU entstanden ist. Sie war der Geburtshelfer für den Euro. Die Erweiterung der EU hing an der Lösung der nationalen Frage, die er und seine Genossen längst aufgegeben hatten. Insofern war sein Europabild viel enger als das von Angela Merkel.

ZEIT: Merkel verströmt ja aber wirklich keine besondere Europa-Euphorie.
Schulz: Die hat soweit ich das erlebe nur Danny Cohn-Bendit. Angela Merkel ist in Hamburg geboren und in der Uckermark aufgewachsen. Da begegnet man einem eigenwilligen und bodenständigen Menschenschlag. Die tragen ihre Leidenschaft nicht auf der Zunge. Dennoch geniest sie in der Europafamilie der 27 großen Respekt und ist ständig als Krisenmanagerin gefragt. Trotz mancher Anfeindung und übler Beschimpfung hat sie mit Besonnenheit und stoischer Ruhe das Ganze zusammengehalten. Steinbrück versteht sich eher auf europäische Erregung durch Kavallerie- und Clown-Attacken.

ZEIT: Kann Steinbrück den Osten noch für sich gewinnen bis zur Wahl?
Schulz: Das scheint aussichtslos. Auf seinem Wahlplakat wirkt er von oben herab wie ein selbstgefälliger Oberlehrer. Und sein Wahlkampfmotto „Das Wir entscheidet" klingt dann im Osten wie die bekannte und vorwurfsvolle Vopo-Frage: „Na Bürger, was haben wir denn falsch gemacht?"

ZEIT: Steinbrück hat Anfang der 1980er Jahre in Ostberlin gelebt, als Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR.
Schulz: Und hat dort weniger von der DDR mitbekommen und verstanden als Angela Merkel vom Westen. Die DDR-Bürger haben zwar hinter der Mauer, doch nicht hinterm Mond gelebt und alle Informationen aufgesaugt, die von drüben kamen. Jeden Abend ist doch der gesamte Osten per Fernsehen in die Bundesrepublik emigriert. Wenn Steinbrück sagt, die DDR war für ihn Luftverschmutzung, bedrückende Atmosphäre und Stasi, dann trifft er negative Aspekte aber nicht die volle Lebenswirklichkeit. Dann redet er wie ein Südafrikaner über den Wärmehaushalt von Eskimofamilien. Und wenn er meint, dass man mit der gleichen Selbstverständlichkeit in die SED eingetreten sei wie in Bayern in die CSU oder im Ruhgebiet in die SPD dann beleidigt er diese demokratischen Parteien und hat noch immer nicht das Wesen einer stalinistischen Kaderpartei begriffen. Übrigens halte ich es für unglaubwürdig, dass er seine Stasi-Akte angefordert und nicht gelesen hat. Ich bin gespannt was wir noch über IM Nelke erfahren werden.

ZEIT: Dennoch ist er ja der Kanzlerkandidat einer rot-grünen Koalition, die ihre Partei anstrebt.
Schulz: Das mag sein. Ich bin nur der Meinung, dass jemand der sich wiederholt so unqualifiziert äußert nicht geeignet ist das vereinte Deutschland zu regieren und Nachholbedarf in deutsch-deutscher Geschichte hat. Und meine Partei ist hoffentlich nicht auf rot-grün fixiert und findet noch eine andere Lösung für einen ökologischen Reformschub.