Das System ist nicht kollabiert, es wurde gestürzt!
Herr Schulz, am 4. November 1989 fand in Berlin die bis dahin größte Demonstration mit mehr als 1 Millionen Menschen statt. Erinnern Sie sich an den Tag?
Ja, das war meine erste wirklich freie und große Demonstration, die ich in Berlin erlebt habe. Von überall her strömten die Menschen mit unglaublich kreativen, frechen Transparenten, mit Sprüchen und Karikaturen.
Es gab allerdings das Gerücht, dass die Stasi einen Zwischenfall am Brandenburger Tor provozieren wollte, um so eine Rechtfertigung zu haben, um alles doch noch mit Gewalt niederzuschlagen. Deswegen trugen viele Freunde von der Oppositionsgruppe Neues Forum Schärpen mit der Aufschrift „Keine Gewalt" und sie waren überall als Posten platziert, um solch eine Provokation zu verhindern.
Ist die Mauer am 9. November 1989 gefallen, wurde sie umgestoßen oder ist sie quasi zerbröselt?
Am 9. November wurde die Grenze durchbrochen und die Mauer von der Westseite bestiegen, gefallen und abgebaut worden ist sie erst etwas später. Der Eiserne Vorhang ist an diesem Tag durchbrochen worden und zwar nicht durch ein Versehen, sondern durch den Druck von der Straße.
Die Leute waren mobilisiert, es war alles in Bewegung und deshalb sind sie zu den Grenzübergängen geströmt, als es im Fernsehen hieß, dass die Grenze aufgemacht wird. Am Übergang Bornholmer Straße waren plötzlich Hunderte von Menschen. Früher hätte man auf diese Leute geschossen. Aber die Grenzarmee war schon verunsichert und der Druck nahm immer mehr zu. Die Leute schrien: „Macht auf, macht auf!" Und dann haben sie aufgemacht und alles strömte Richtung West-Berlin.
Aber abgesehen von der Mauer selbst – ist das System kollabiert?
Nein, das System ist gestürzt worden. Systeme brechen nicht einfach so zusammen. Alle die sagen, die DDR war am Ende, die täuschen sich. In Nord-Korea ist nichts zusammengebrochen, in Kuba ist auch noch nichts zusammengebrochen, auch wenn es der Bevölkerung immer schlechter geht. Gemessen etwa an Rumänien ging es den Leuten in der DDR noch sehr gut. So schnell wäre nichts zusammengebrochen. Nein, das System ist gestürzt worden.
Das Problem war, dass die Staatsmacht die Leute nicht mehr von der Straße bekommen hat. Die erste große, nicht genehmigte Demonstration am 9. Oktober in Leipzig hat sie handlungsunfähig gemacht. Sie war erstmals nicht in der Lage, eine solche Demonstration zu unterbinden. Das hat vielen Leuten Mut gemacht, das Gleiche zu tun und dann gab es überall Kundgebungen. Der Druck ist immer mehr gestiegen und die SED war dann zu einem neuen Reisegesetz gezwungen.
Erich Honecker hatte noch zu Beginn des Jahres 1989 gesagt, dass die Mauer noch in 50 oder 100 Jahren stehen werde, solange die Ursachen der Mauer fortbestehen. Aber die Ursache war die SED selbst und dass ständig Menschen aus der DDR flüchteten oder ausreisen wollten. Und als der Eiserne Vorhang porös wurde, hatte auch das letzte Stündchen der SED geschlagen.
Ein Slogan der Bürgerbewegung bei den Demonstrationen war „Wir bleiben hier". Aber hatten rückblickend jene Abertausende von DDR-Bürger, die 1989 ausreisten, nicht einen größeren Anteil am Ende der DDR als die Demonstranten?
Es war die Verbindung von beiden Strömungen, das war der Sprengstoff. Lange Zeit haben die Oppositionsgruppen mit jenen, die ausreisen wollten, nichts anfangen können. Aber in Leipzig hat man gesagt, diese Leute lehnen die gesellschaftlichen Verhältnisse genauso ab wie wir, deshalb gehören wir eigentlich zusammen und dann haben die Kirchen beide Gruppen eingeladen und zusammengebracht.
Viele in der Oppositionsbewegung waren wie ich „68er Ost". Leute, die zur Zeit des Prager Frühlings auf einen demokratischen Sozialismus hofften. Das Paradoxe der Geschichte ist, dass die West-68er eine Revolution wollten und Reformen erreicht haben, während wir Ost-68er Reformen wollten und eine Revolution ausgelöst haben. Aber das war schon kühn und abenteuerlich, einen totalitären Staat reformieren zu wollen.
Dass es nicht zur „chinesischen Lösung" kam, war das aus Sicht des Regimes eine Art Missgeschick?
Schwer zu sagen, weil die damals Verantwortlichen heute nicht ehrlich sind. Einerseits haben sie nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung am Tiananmen mit der „chinesischen Lösung" gedroht und das Vorgehen der „chinesischen Genossen" gut geheißen. Anderseits bin ich mir nicht sicher, ob sie es ernsthaft gewollt hätten.
Die alte Schule, jene, die die Stalin-Zeit mitgemacht haben, die hätten draufgehalten, um die „Konterrevolution im Keim zu ersticken". Andere waren eher zögerlich und es lief außerdem gleichzeitig eine Palast-Revolte, deshalb hat dann die Befehlskette versagt.
In Leipzig [am 9. Oktober] war gegen 70.000 mit dem Knüppel nichts mehr auszurichten gewesen, da hätten sie nur noch schießen können und das hätte ein Blutbad bedeutet. Dafür haben die Kleinen auf den Befehl von oben gewartet. Aber die oben haben gezögert und dann setzten sich die durch, die gehandelt haben: die Leute, die demonstriert haben – voller Angst, aber sie sind auf die Straße gegangen und haben den Bann gebrochen.
Haben die Ereignisse von 1989 für Sie als Europa-Abgeordneten heute eine Bedeutung?
Auf jeden Fall. Es prägt einen sehr stark, wenn man Freiheit und Demokratie aus eigener Kraft errungen hat. Wir haben das im Unterschied zu den Westdeutschen nicht geschenkt bekommen. Ich glaube, man nimmt den Wert von Freiheit und Demokratie ganz anders wahr, wenn man sich jahrelang danach gesehnt hat.
Außerdem bin ich für die Zustände in Osteuropa sehr sensibel und ich arbeite stark Richtung Russland. Denn es gibt dort Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie wir es in der DDR waren. Zum Teil ist deren Situation sogar schlimmer, denn es gibt dort brutale Gewalt, da wird nicht nur eingeschüchtert, sondern es gibt eine laufende Mord-Serie. Deshalb habe ich mich sehr dafür eingesetzt, dass der Sacharow-Preis des Parlaments dieses Jahr an [die russische Bürgerrechtsorganisation] Memorial geht.









