03. März 2010

Drucken


1989 – Europa im Aufbruch

Der Vorlauf einer gewaltlosen Revolution

Der epochale Umbruch 1989 war kein spontanes Ereignis, kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern hatte eine lange Vorgeschichte. Es war der späte Kulminationspunkt einer fortwährenden Auseinandersetzung mit dem kommunistischen System und seiner inneren Zerrüttung. Den unter sowjetisch-stalinistischer Hegemonie gegründeten Ostblockstaaten hat es von Anbeginn an demokratischer Legitimität gefehlt. Deswegen hofften viele darauf, 1989 auch in Mittel- und Osteuropa die Verwirklichung der Ideale von 1789 zu erleben: Einen dauerhaft stabilen Rechtsstaat mit der Garantie von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Nicht der Wunsch nach einer Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse, sondern vor allem die Überwindung unfreier politischer Strukturen stand im Blickpunkt vieler osteuropäischer Intellektuellen.

Insofern fand die wahre und folgenreiche Gedenkfeier des 200. Jahrestages der französischen Revolution nicht in Paris, sondern 1989 im Osten Europas statt. In der Terminologie Lenins, dem Altmeister der inszenierten Revolution, war dies jedoch eine Revolution Neuen Typus. Eine Revolution ohne Gewalt, ohne theoretisches Konzept und ausgewiesene Avantgarde. Eine Revolution, bei der Kerzenwachs und kein Blut floss. Demonstranten Transparente statt Steine oder Waffen in den Händen hielten. Die Akteure nicht auf die Barrikaden, sondern an die Runden Tische gingen. Dem Sturz der Nomenklaturkader kein Wohlfahrtsausschuss oder „Thermidor“ folgte, sondern frei gewählte demokratische Parlamente, die sogar den Reformsozialisten eine Chance der Wiedergutmachung und Neubesinnung einräumten. Der politisch organisierte Ablauf entfaltete eine enorme zivilisatorische Kraft, die wie im Dominoeffekt ein totalitäres System mit seiner ideologischen Weltanschauung zum Einsturz brachte. Vom Runden Tisch in Polen, von der friedlichen Revolution in der DDR, der samtenen in der CSSR bis zur singenden Revolution im Baltikum, war dies ein eindrucksvoller Beitrag zur Bürgergesellschaft, dessen Wert sich gerade heute an den weltweit Schrecken auslösenden Bildern von Terror und Gewalt ermessen lässt: die Erkämpfung von Freiheit, Bürger- und Menschenrechten, ohne das dafür andere Menschen geschlachtet wurden. Nicht der brutale Terrorakt vom 11.9., sondern der gewaltlose Mauerdurchbruch vom 9.11. hat eine neue politische Perspektive eröffnet.

„1989“ steht in einem langen und engen Zusammenhang mit dem Daueraufbegehren nach 1945, dem Arbeiteraufstand in der DDR von 1953, dem ungarischen Aufstand 1956, den gleichzeitigen Unruhen in Polen, dem Prager Frühling von 1968 , der Gründung von „KOR“ 1976 in Polen, der „Charta 77“ in der CSSR und dem Kampf der polnischen Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“. Über die gesamte Zeitspanne der Arbeiter- und Bauernstaaten beziehungsweise Volksrepubliken gab es Widerstand und Opposition. Obwohl sie sich selbst nie so genannt hat. Möglicherweise aus taktischen Gründen, denn Opposition war gleich Konterrevolution und somit staatsfeindlich und höchst riskant. Im „Kleinen Politischen Wörterbuch“ der DDR stand dazu: „In sozialistischen Staaten existiert für eine Opposition keine objektive und soziale Grundlage“. Was so harmlos negierend anmutet war in der totalitären Praxis mit extremer Repression und „Zersetzung“ bis hin zur physischen Vernichtung der „Klassengegner“ verbunden.

Der lange Weg von 68 zu 89

Von traumatischer und anstiftender Wirkung auf meine Generation waren die Ereignisse in Prag 68. Während die westdeutsche Gesellschaft in Erregung geriet, wurde die ostdeutsche zementiert. Abgeriegelt war sie bereits seit dem Mauerbau am 13. August 1961. Dabei hatte sich gerade im Karl-Marx-Jahr, dessen 150. Geburts-tag 1968 gefeiert wurde, eine vage Hoffnung auf Lockerung und einen demokratischen Sozialismus ausgebreitet. Mit Robert Havemann und seiner Vorlesung an der Humboldt Universität war ein unverdächtiger Hoffnungsträger zu hören, der einen Kommunismus ohne Dogma propagierte. Umso schlimmer trafen ihn und uns die Reaktionen des Staatsapparates und die gewaltsame Niederschlagung des tschechischen Reformsozialismus. Viele von denen, die 68 und in den Folgejahren alle Illusionen verloren bzw. einen Rest an Hoffnungen auf einen „Sozialismus mit menschlichen Antlitz“ bewahrt hatten, trafen sich in der Opposition oder später 89 auf den Demonstrationen und am Runden Tisch wieder. Die friedliche Revolution von 1989 war auch eine Reaktion auf 1968. Zwischen beiden Jahreszahlen gibt es einen politischen Zusammenhang. In Leipzig, Berlin und Prag wurde die 89 umgedreht und als Reaktion für 68 hochgehalten. Der politische Vorlauf der Ost 68-er war eine wesentliche Grundlage für die Herbstrevolution 89. Leider ist das bisher nicht ins gesamtdeutsche Geschichtsbewusstsein gedrungen. Heute lässt sich feststellen: während die West 68-er die Revolution wollten und Reformen erreichten, haben die Ost 89-er Reformen gewollt und eine Revolution ausgelöst.

Eine protestantische Revolution

Während an den westdeutschen Universitäten ein Aufbruch geschah, wurde den ostdeutschen mit der so genannten Hochschulreform jeder noch verbliebene bürgerliche Touch genommen. Während in Hamburg medienwirksam das Transparent: „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“ hochgehalten wurde, ließ Walter Ulbricht die völlig intakte gotische Universitätskirche in seiner Heimatstadt Leipzig sprengen. Eine Kirche in der Martin Luther gepredigt hatte und die der Universität seit der Reformation als Aula diente. Aber wer kennt schon das spektakulär entrollte Transparent: „Wir fordern den Wiederaufbau der Pauliner-Kirche!“. Mit der Verfolgung und Verhaftung der Verfasser war die Stasi jahrelang und mit großem Aufwand beschäftigt. Umso beeindruckender war es, als sich im Herbst 89 Tausende in der unmittelbar in der Nähe gelegenen Nikolaikirche zur Montagsdemo versammelten. Die Friedensgebete hatten sich aus einer traditionell kirchlichen und oppositionellen Protestform zu einem Aufstand der Leipziger Bevölkerung entwickelt, der zu einer Initialzündung der friedlichen Revolution wurde. Aus der Verbindung von Oppositionsgruppen - die mit Gründungsaufrufen für ein „Neues Forum“, für „Demokratie Jetzt“ für einen „Demokratischen Aufbruch“ , für eine „Sozialdemokratische Partei (SDP)“ oder mit der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ in die Öffentlichkeit traten – und den ausreisewilligen Totalver-weigerern der DDR entstand eine breite Bürgerbewegung. Vom Charakter her war diese Phase der friedlichen Revolution eine protestantische Revolution. Ausgangspunkt waren in fast allen Städten und Kommunen die evangelischen Kirchen, wo sich die Widerspenstigen zum Protest versammelten. Nie Rathäuser, Parteizentralen, Theater, Kulturhäuser, Clubs oder Universitäten. Die überwiegend protestantische Sozialisation der DDR Bürgerrechtler und ihre basisdemokratischen Erfahrungen unterm schützenden Dach der Kirchen brachten zwei bestimmende Handlungsmotive in die Revolution: „Keine Gewalt“ – die kürzeste und prägnanteste Zusammenfassung der Bergpredigt und „Wir sind das Volk“ – den klaren Anspruch nach direkter Demokratie.

Rückkehr nach Europa

Der Soziologe Ralf Dahrendorf bezeichnet 1945 und 1989 als die beiden Befreiungsdaten des sonst so mörderischen 20. Jahrhunderts. Er hält die Revolution von 1989 für die erfolgreichste Revolution der Moderne, weil sie die politische Stagnation überwunden und das heutige Europa ermöglicht hat. Eine Europäische Union, die nicht nur auf Versöhnung und der Friedensidee der großen alten Männer beruht, sondern auch auf dem Freiheitswillen der vielen Frauen und Männer, die gewaltlos eine Diktatur gestürzt und aus eigener Kraft die Demokratie, als das politische Regelwerk der Freiheit errungen haben.

Dabei spielt die Anziehungskraft des Westens eine wichtige Rolle. Die freiheitlichdemokratische Grundausrichtung der Europäischen Gemeinschaft, deren Wohlstandsvermehrung, ihr Friedenscharakter und der diplomatische Erfolg der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) haben die antikommunistischen Gegenkulturen in Osteuropa nachhaltig beeinflusst. Zum ersten Mal erschien die Idee der Menschenrechte aus der Schlussakte von Helsinki 1975 auf den Titelseiten der „Prawda“, des „Neuen Deutschland“ und anderer kommunistischer Zeitungen, und wurde zu einer maßgeblichen Legitimationskraft der sich daraus entwickelnden Oppositionsbewegungen. Der Anspruch, wieder in Freiheit unter allen anderen Europäern zu leben, war kein strategisches oder primär materielles, sondern vor allem ein kulturelles Ziel. In allen Ländern, denen die EU eine Beitrittsperspektive eröffnet hat, haben sich seitdem demokratische Verhältnisse gefestigt, wurde der Übergang zur sozialen Marktwirtschaft beschritten und ist eine insgesamt positive Gesellschaftsentwicklung zu verzeichnen.

„1989“ war mehr als nur ein Epocheumbruch, eine Zeitenwende im Kalender der europäischen Geschichte. Es war das Schlusssymbol eines brutalen Jahrhunderts, einer skrupellosen Ideologie und ihrer totalitären Ausführung. Das Ende des Kommunismus, seiner Fortschrittsutopie und seines falschen Menschenbildes. Das Ende zynischer Machtsysteme und ihrer diktatorischen Herrschaft. Das Ende einer erzwungenen Stabilität um den Preis der Freiheit und einer Gesellschaftsplanung mit der fatalen Nebenwirkung einer allgemeinen Lähmung sämtlicher Lebensbereiche. All das geschah und verdichtet sich in den Ereignissen des Jahres „1989“.

Werner Schulz

Ex-MdB/MdEP – DDR-Bürgerrechtler

091209_werner_Schulz_Mauerteil_EP_175


euro_parl

Suchen