Vorschlag für Sacharow-Preis an Pussy Riot
Vorschlag für Sacharow-Preis an Pussy Riot
stellvertretend an: Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa / Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina (Pussy Riot)
Den drei Künstlerinnen von der Gruppe Pussy Riot ist es am 21. Februar 2012 mit einer mutigen, spektakulären und kreativen Performance in der Christi-Erlöser-Kirche in Moskau gelungen die angestaute politische Kritik am autokratischen Machtsystem Russlands und seine Verquickung mit der russisch-orthodoxen Kirche an einer wirkungsvollen Stelle zum Ausdruck zu bringen.
Die Protestaktionen und Inhaftierung dieser drei jungen Frauen einschließlich ihrer Haftbedingungen, die an Folter grenzen, sowie die Verurteilung zu zwei Jahren Arbeitslager haben die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit weit stärker auf die skrupellose Einschränkung der Bürgerrechte und die fehlende Rechtsstaatlichkeit in Russland gelenkt als die bis dahin geschehenen Morde an Journalisten oder die Fülle neuer repressiver Gesetze. Sie haben das System der "gelenkten Demokratie" bis zur Selbstentlarvung provoziert. Denn die Äußerung von Präsident Putin, die Frauen hätten ihre Lektion gelernt und er erwarte ein mildes Urteil, belegen die Willkürjustiz und zeigen, wer der Oberste Richter in Russland wirklich ist.
Ihnen wird "Rowdytum aus religiösem Hass" vorgeworfen, obwohl der Videoclip ihres Punkgebetes und der Begleittext, der die politischen Motive des Auftritts beschreibt keinerlei Indiz dafür bieten. Ihr flehendes Punkgebet: "Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin!" folgt dem Slogan: "Russland ohne Putin", der bei den Massendemonstrationen vor den Präsidentschafts-wahlen tausendfach skandiert wurde. Ihr Auftritt richtet sich nicht gegen die Religion, sondern greift vielmehr eine Tradition der russisch-orthodoxen Kirche auf, sich mit einem Stoßgebet an die Mutter Maria zu wenden in der Hoffnung, dass sie behilflich ist das Böse zu vertreiben. Ihr Protest richtet sich gegen Präsident Putin, der vom Kirchenklerus wie ein von Gott gesandter Heiliger verehrt wird, und gegen den Patriarch der russisch orthodoxen Kirche, der die Gläubigen dazu aufgefordert hatte diesen Präsident zu wählen und sich von Protestdemonstrationen fern zu halten.
Die drei Frauen sind in den offiziellen und gleichgeschalteten russischen Medien einer einzigartigen Verleumdungskampagne ausgesetzt, die einer modernen Hexenverfolgung gleichkommt. So hat der Staatsanwalt behauptet die Punkerinnen seinen vom Teufel besessen und hätten einen Veitstanz in der Kirche aufgeführt! Damit wird zum einen die Kunst der politischen Performance ignoriert aber auch die Tatsache, dass drastische Protestformen notwendig sind, wenn sich der russische Staat wieder spürbar in die Totalität bewegt und es schwierig ist gehört zu werden, um die Menschen dagegen aufzurütteln. Während viele enttäuscht sind und die innere Emigration vorziehen haben Pussy Riot öffentlich wirksam gegen Bevormundung, Gängelei, Scheinheiligkeit und biedere Moral protestiert. Ihr schrilles Gebet entspricht dem heimlichen Wunsch vieler, dass sich Russland endlich vom Regime Putin und seiner Geheimdienstkaste befreien sollte.
Obwohl die EU seit Jahren bemüht ist mit Russland eine gemeinsame Wertebasis zu finden und Russland auch solche internationalen Verpflichtungen eingegangen ist, erhellt der Fall schlaglichtartig die eklatanten Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. In der Urteilsbegründung steht die unhaltbare Behauptung, dass der Feminismus religiösen Hass erzeugen würde. Hier zeigt sich der unheimliche Gleichklang zwischen Kreml und Klerus und deren Intension die westlichen Emanzipationserfolge zu diffamieren und deren Vordringen in die russische Gesellschaft zu verhindern.
Der Vorgang beschreibt exemplarisch den Rückfall in archaische Zeiten, denn wie schon Jesus von Nazaret die Erfahrung machen musste, wird die begründete Kritik an Hohen Priestern, Schriftgelehrten und Pharisäern von ihnen selbst als Gotteslästerung abgetan und verfolgt. Doch Pussy Riot haben sich unerschrocken und kreativ für die von Andre Sacharow vorgelebten Werte der geistigen Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft und Kunst eingesetzt.
Brüssel, den 9. September 2012
Werner Schulz










